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FRAGE:
Sie sind 1946 in Graz geboren?
HGN:
Ja. Am 20 Februar. Um 18 Uhr 30. Im Sternbild Fisch mit Jungfrau Aszendent.
FRAGE:
Glauben Sie daran?
HGN:
An meine Geburt? Ich denke schon, zumindest bis zu einem gewissen Grad.
FRAGE:
Vertrauen Sie der Realität nicht?
HGN:
Im Gegenteil. Ich bezweifle nur meine Fähigkeit, ihre Komplexität vollständig zu erkennen.
FRAGE:
Genau genommen bezog sich meine vorletzte Frage auf die Astrologie.
HGN:
Ach so. - Nun, ich finde, sie gehört zu den zahlreichen und faszinierenden Erscheinungsformen unserer Evolution. Genau so wie Höhlenmalereien, Religionen, Renaissancepaläste, Cellphones, Computer oder die Stringtheorie. Wir beschreiben mit all diesen Werken unsere Sehnsüchte, die sich auf Grund unserer Wahrnehmung entfalten und nach Gestaltung schreien. Ich betrachte jedes Vehikel, das der Mensch für seine Suche nach Wahrheit benützt, als gleichwertig.
FRAGE:
Sind Sie das, was man gemeinhin als religiös bezeichnet?
HGN:
In herkömmlichem Sinn nicht, vermute ich, Glaube und Agnostik sind für mich keine unvereinbaren Gegensätze, sondern nur die zwei Seiten einer Münze. Doch gibt es eine Lebensauffassung, die mich seit etlichen Jahren in zunehmendem Mass beeinflusst. Sie wird von einer Zen Meisterin amerikanischen Ursprungs (Charlotte Joko Beck) Menschen der westlichen Kultur verständlich und humorvoll vermittelt. Durch das tägliche mittels Zazen praktizierte Scheitern an buddhistischen Prämissen erfahre ich etwas, das mir sehr wichtig ist. Das ist jedoch für jemanden, der sich damit noch nicht beschäftigt hat, unverständlich und es lässt sich nicht wirklich in Worte fassen. Daher schlage ich vor, das Thema zu wechseln.
FRAGE:
Einverstanden. Kehren wir zu Ihren biografischen Fakten zurück. Waren Sie ein guter Schüler?
HGN:
Leider nein. Schon in der Volksschule verdunkelte ich mittels mangelnder Einsatzbereitschaft alle elterliche Hoffnung auf eine strahlende Zukunft in gehobener akademischer Position, sei es als Arzt, Architekt, Minister oder wenigstens Hochschuldozent.
FRAGE:
Angesichts Ihrer Intelligenz und Begabung unbegreiflich.
HGN:
Wahrscheinlich war es eine Verweigerungshaltung. Offenbar sah ich keine andere Abwehrmöglichkeit gegen eine Lehrmethode, die mittels Angsterzeugung funktionierte, zumal, da sie damals von einer Mehrheit der Lehrer bevorzugt wurde.
FRAGE:
Das klingt schrecklich.
HGN:
Vom Standpunkt einer jungen, kreativen Seele aus gesehen war es das ja auch.
FRAGE:
Warum war das Ihrer Meinung nach so?
HGN:
Wenige Jahre zuvor hatten ein grauenhafter Weltkrieg und die Terrorherrschaft der Nazis stattgefunden und das war vielen Überlebenden in die Knochen gefahren. Ganz schlimm empfand ich diese Kasernenhof Atmosphäre im humanistischen Gymnasium, dessen solcherart praktizierter Schulalltag in krassen Gegensatz zu seiner geistigen Zielsetzung geriet. Allerdings gab es dort auch damals schon Frauen und sogar Männer, die ihre Autorität nicht mit Gebrüll einforderten, sondern auf natürliche Weise, kraft ihrer Klugheit und der Fähigkeit, ihren Schülern Freude am Wissen zu vermitteln. Diese Minderheit galt innerhalb der Lehrkörper Hierarchie in der Regel als zu sanft. Jedenfalls bildeten sie für mich eine Art Gegenkraft, die mir half, nicht schon vorweg komplett zu verzweifeln.
FRAGE:
1969 traten Sie in das Max Reinhardt Seminar von Wien ein.
HGN:
Ja. Um Schauspieler zu werden. Es war eine sehr kreative, aufregende Zeit, wir beanspruchten ein Ausmass an Freiheit, die vorangegangene Generationen sich nicht einmal vorzustellen gewagt hätten. Die Sichtung gesellschaftlicher Widersprüche und Hinterfragung jeglicher Autorität wurden gewissermassen zu unserer Agenda, andererseits genossen wir den Wohlstand und in Europa zusätzlich noch eine lang anhaltende Friedenszeit. Ich glaube, es war der französische Filmregisseur Godard, der uns als „Generation zwischen Marx und Coca Cola“ charakterisiert hat.
FRAGE:
Hatten Sie in dieser berühmten Schauspielschule auch Ihre gewohnten Schwierigkeiten mit Lehrern?
HGN:
Nein. Dort war ich erstmals kein Verweigerer mehr, sondern begeistert bei der Sache und hörte aufmerksam zu. Unsere damaligen Lehrkräfte dort waren Frauen und Männer der Praxis, erfolgreiche und geachtete Schauspieler. Das gehört zu den Schönheiten unseres Berufes. Nur die besten Künstler sind in der Lage, auch die besten Lehrer zu sein.
FRAGE:
Wann hörte diese Begeisterung für das Theater auf?
HGN:
Nie. Es ist mein künstlerisches Elternhaus, in das ich jederzeit gerne wieder zurückkehre.
FRAGE:
Aber das haben Sie schon seit längerer Zeit nicht mehr getan. Sie bevorzugen das Spiel vor der Kamera.
HGN:
Stimmt. Derzeit ist das so.
FRAGE:
Wieso eigentlich?
HGN:
Nun, der Film war für mich immer eine grosse Herausforderung, weil er mich zur Wahrhaftigkeit zwingt. Das Auge einer Kamera ist unbestechlich und erfordert eine innerliche Unaufdringlichkeit, eben das Selbstverständnis eines atmenden Menschen. Wenn der Zuschauer nicht erkennt, dass ich einen fiktiven Charakter gestalte, sondern glaubt, daß ich nur private Gefühle zeige, dann habe ich meine Arbeit richtig gemacht.
FRAGE:
Heisst das, jede gute Darstellung basiert ausschliesslich auf einem grundsätzlichen Missverständnis zwischen Publikum und Akteur?
HGN (lacht):
Das klingt so gut, dass ich spontan geneigt bin, zuzustimmen. Aber im Ernst gesprochen handelt es sich wohl eher um eine beiderseitig stillschweigend vereinbarte Illusion. Davon abgesehen bin ich als Privatperson während meiner Darstellung für den Zuschauer sowieso nicht wichtig, nur die Figur, die ich spiele, ist es. So gesehen wäre also dieses Missverständnis, selbst wenn es existierte, in Hinblick auf die öffentliche Gestaltung eines wahrhaftigen Augenblickes bedeutungslos.
FRAGE:
Das, was Sie da soeben über die Schauspielkunst gesagt haben, gilt nicht nur für den Film, sondern auch für das Theater, nicht wahr?
HGN:
Ich stimme Ihrer Vermutung begeistert zu, obwohl vor allem eine historische Bühne in Verbund mit ihrem Zuschauerraum andere Techniken erzwingt als diejenigen, welche ein leises Spiel vor einer nah aufnehmenden Kamera ermöglichen. Daher ist es sehr beachtenswert, wenn ein Schauspieler heutzutage auch auf dem Theater eine vergleichbare Intimität zu erzeugen vermag.
FRAGE:
Sind Theater und Film unversöhnliche Gegensätze geworden oder können sie sich gegenseitig positiv beeinflussen?
HGN:
Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurde der Film als Kind des Theaters geboren. Nun ist er erwachsen und befindet sich in der Blüte seines Daseins. Vielleicht sollte er sich verstärkt um seine dahinkränkelnden Eltern kümmern.
FRAGE:
Meinen Sie, dass Filmkünstler auch im Theater arbeiten sollen?
HGN:
Ja. Warum nicht? Einige tun das ja bereits. In keinem Fall sollten sich die beiden Medien als unversöhnliche Feinde gegenüber stehen. Sie gehören zur selben Familie.
FRAGE:
1991 spielten Sie in der sozialkritischen TV-Produktion „Hansi Vrba“, die Aufsehen erregte, überzeugend die Titelrolle. Kurz darauf schrieben Sie für die Serie EUROCOPS erstmals ein Drehbuch und spielten in dieser Folge ebenfalls eine Hauptfigur.
HGN:
Ja, ich bekam die Chance, das zu tun. Zunächst wollte ich ja nur eine Rolle für mich skizzieren und naiv darauf hoffen, daß ein Schreibprofi meine Ideen entsprechend umsetzt. Daraus wurde aber nix. Also musste ich lernen, die Arbeit selbst zu tun. Das war wunderbar, denn so erfuhr ich eine Horizonterweiterung ungeahnten Ausmasses.
FRAGE:
Das Schreiben war doch für Sie nichts gänzlich Neues mehr. Das haben Sie schon 10 Jahre zuvor getan als Sie zwei eigene Theaterproduktionen über „Francois Villon“ und danach „James Dean“ verwirklichten.
HGN:
Das waren hauptsächlich Collagen bereits vorhandener Literatur, ein wenig mit meinen eigenen Texten ergänzt. Und mein Fokus blieb damals sehr egozentrisch, war ausschliesslich auf diese beiden aussergewöhnlichen Charaktere gerichtet. Das lässt sich nicht wirklich mit der wesentlich komplexeren Schreibarbeit für den Film vergleichen.
FRAGE:
Jedenfalls waren Sie in Wien bis zu Ihrer „Emigration“ bemerkenswert erfolgreich. Warum sind Sie 1995 nach München gegangen?
HGN:
Ich hielt das für eine notwendige Herausforderung, der ich nicht ausweichen wollte. Die Stadt ist nun mal die deutsche Filmmetropole.
FRAGE:
Ihren Entschluss belohnte spätestens im Jahr 2000 der Zufall, als Sie dort für die Steven Spielberg/Tom Hanks – Produktion „Band of Brothers“ engagiert wurden, die ein Jahr später als beste TV-Serie unter anderem mit 2 Golden Globes und etlichen Emmys ausgezeichnet wurde.
HGN:
Ja. Die Arbeit in der „Weltmeisterliga“ war ein grosses Vergnügen für mich, obwohl es gar kein Zufall war. Hollywood würfelt nicht. Für diese Episode wurden eine Menge Schauspieler vor laufender Kamera gecastet, erst danach fiel die Entscheidung.
FRAGE:
Schreiben Sie weiterhin Drehbücher?
HGN:
Ja. Ich entwerfe zur Zeit zwei neue Filmprojekte. Und zusätzlich arbeite ich - gewissermassen in meiner Freizeit - an einem Roman und seiner Transformation in eine Serie.
FRAGE:
Um was handelt es sich dabei?
HGN:
Es ist eine Fiktion, die im Jahr 2087 beginnt und 500 Jahre später auf einem erdähnlichen Planeten endet. Unter dem Titel „Jenseits des Lichts“ geht es um Erdflucht, einem Multigenerationsflug und schliesslich die Kolonisierung einer neuen Welt.
Frage:
2007 ließen Sie sich in der New York Film Academy zum Regisseur ausbilden, nicht wahr?
HGN:
Ja. In La Femis Paris.
Frage:
Haben Sie dort eine Prüfung abgelegt?
HGN:
Tage und Nächte in Permanenz. Der gesamte Workshop war eine Prüfung. Eine mental wie physisch erschöpfende und phantastische Zeit.
Frage:
Gab’s danach so was wie ein Zeugnis?
HGN:
Nach der Präsentation meines Final Shorts „DUSK“ bekam ich ein Diplom. Entscheidend aber ist, dass ich nun ein erstklassiges Rüstzeug besitze, um professionell Filme drehen zu können.
Frage:
Kann man Ihr erstes Werk sehen?
HGN:
Möglicherweise. Ich versuche gerade, „DUSK“ weltweit auf Festivals zu präsentieren.
Frage:
In Ihrem Alter noch einmal Student zu werden, war keine alltägliche Entscheidung. Warum haben Sie sich dazu entschlossen?
HGN:
Weil ich ein spätes, aber unvermindert leidenschaftliches Interesse für Filmregie entwickelte. Da blieb mir eigentlich nichts anderes übrig.
Frage:
Gab es noch andere ältere Studenten?
HGN:
Nein. Ich war der Einzige, der sich noch knapp vor der Pension Flausen in den Kopf setzte.
Frage:
Wie war es, gemeinsam mit jungen Menschen wieder zu lernen? Begegneten Sie einer Ihnen zumindest teilweise unverständlich erscheinenden Generation?
HGN:
Keineswegs. Es war so, als wäre ich mit einer Zeitmaschine in meine Studentenzeit zurückgekehrt und inskribierte dieses Mal ein anderes Fach. Elementar ändert sich da nichts. Entweder man hat das kreative Bedürfnis und die Begabung oder nicht. Es ist eine Frage der Intuition, der harte Arbeit folgt.
Frage:
Gibt es schon ein konkretes Projekt für die Zukunft?
HGN:
Genau genommen vier. Aber darüber hülle ich mich derzeit in Schweigen.
FRAGE:
Welcher Maler ist Ihr Favorit?
HGN:
Marc Chagall.
FRAGE:
Welcher Autor?
HGN:
Franz Werfel.
FRAGE:
Welcher Komponist?
HGN
Nicht erst seit 2006, sondern schon seit meiner frühen Kindheit ist es Wolfgang Amadeus Mozart.
FRAGE:
Wann besteht die Möglichkeit, Ihren ersten abendfüllenden Spielfilm zu sehen?
HGN:
Das steht zurzeit noch in den Sternen.
FRAGE:
Womit wir wieder bei der Astrologie angelangt sind.
HGN:
Stimmt. Der Kreis hat sich geschlossen.
FRAGE:
Hans Georg Nenning, ich danke Ihnen für das Gespräch.
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